Tim sitzt auf einem Hocker an der Theke einer leeren Bar. Es war einmal seine Lieblingsbar. Theke, Tische, Hocker und Stühle waren aus Kirsch- oder Walnussholz – auch heute strahlten sie eine warme, einladende Atmosphäre aus. Etwas weswegen Tim den Laden so mochte. Dazu waren die Kellner, Barkeeper und der Besitzer verflucht töfte Dudes gewesen. Seit einem Monat war die Bar schon nicht mehr geöffnet gewesen. Wo sie wohl waren. Wie es ihnen gerade ging.
Vor ihm stand ein Glas. Er hatte es sich genommen und zu Zweidrittel mit seinem Lieblingshiskeys gefüllt. Getrunken hatte er allerdings noch keinen Tropfen. Er schwelgte gedanklich in der Vergangenheit, die ihm heute wie ein goldenes Zeitalter vorkam und nebenbei fuhr sein Finger durch die Staubschicht des Tresens. Er schrieb mit schnellen Schwüngen „Sau“ in diese. So hatte es eine seiner Ex-Freundin bei ihm immer im Regal gemacht – eine scherzhafte Ermahnung mal etwas ordentlicher oder erwachsener zu werden oder wahrscheinlich sogar beides. Von ihr wusste er, dass sie kein Jahr nach ihrer Trennung in die Pampa von Schweden gezogen war.
Gab es von dort auch diese komischen Meldungen – er konnte sich nicht erinnern. Er hatte nie ein großes Faible für Nachrichten gehabt. Als sie dann immer nur noch Berichte über komische Vorfälle gebracht haben und warnt ohne zu sagen warum, da hatte er begonnen ganz darauf zu verzichten.
Hier in Mitteleuropa war es über Jahre ruhig geblieben. Die komische Vorkommnisse begangen in Australien und Neuseeland. Schnell wurden diese Länder abgeschottet von der Welt. Danach Südamerika, Mittelamerika und schließlich Nordamerika. Das geschah über zwei Jahre hinweg, danach Ruhe. Das Leben auf der restlichen Erde lief einfach weiter.
Es gab immer noch keine öffentliche Stellungnahme, was genau vorgefallen war. Dann fiel innerhalb von drei Monaten Japan. Wieder Ruhe für zwei Jahre. Dann auf einmal Peking, Seoul, Kapstadt und Lissabon. Null-Kontakt in die Regionen binnen achtundvierzig Stunden. Dann breitete es sich auf den Kontinenten langsam aus. Vor zwei Monaten ging dann der Kontakt zu Spanien verloren, zu allen Ländern unterhalb der Sahara und in Asien bis an die Grenzen des Irans. Die Regierungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz beschlossen sämtliche Verkehrswege außerhalb dieses Raums einzustellen. Reisen innerhalb dieses Raums sollten auf das Notwendige begrenzt werden. Vor drei Wochen kam die Meldung über verlorenen Kontakt der deutsch-französischen Grenze näher.
Er erinnerte sich daran, wie seine Frau zu ihm kam und davon berichtete. Ihr Sohn studierte in Stuttgart, das lag näher an dieser Grenze als sie im Einzuggebiet von Passau. Sie machte sich Sorgen. Am Telefon war ihr Sohn immer ganz entspannt, es würde schon alles gut gehen. Vor zwei Wochen wurde dann die Grenze überschritten. Zwei Tage später war der Kontakt zu allem westlich von Stuttgart weg. Seine Frau vereinbarte einen Treffpunkt östlich von Stuttgart mit ihrem Sohn. Sie plante drei Tage hin und drei Tage zurück ein – schneller ging es nicht. Autobahnen waren seit dem Überschreiten der deutschen Grenze gesperrt für die Bürger. Wasser, Essen, Baseballschläger waren schnell eingepackt und sie fuhr los. Vor vier Tagen hätten die beiden zurück sein sollen. Seit sechs Tagen gab es keinen Kontakt mehr. Der Notfallplan sah vor, dass er vier Tage wartete und dann zu einem anderen Treffpunkt fahren sollte. Dieser Tag war heute.
Bei ihm in der Stadt hatte es vor fünf Tagen begonnen. Als erstes fielen die Mobilfunknetze aus. Dann das Internet. Tim schaltete daraufhin alle Geräte ab. Packte sein Handy in eine Tasche mit einem faradäyschem Käfig – doppelt gemoppelt hält besser. Seine Frau und er hatten zwei davon für jedes Familienmitglied vor ein paar Jahren gekauft, um das eine oder andere Wochenende mal total ungestört beim Wandern verbringen zu können. Vorräte hatte er genug.
Vor drei Tagen sah er dann durch Fenster wie fünf Menschen sich auf eine seiner Nachbarinnen stürzten, die mit ihrem Smartphone in der Hand rum lief. Sie wurde umgerissen, dass Gerät zerstört und dann fingen sie an sie zu beißen. Jeder der Fünf nahm zwei oder drei bissen und verschwanden in Richtung der nächsten Kreuzung, wobei sie einen Mann umrannten und einfach weiter liefen, wie ihr würden sie ihn nicht wahrnehmen. Seit dem hat er weiter beobachtet. Am nächsten Morgen war die Leiche der Frau weg. Sehr mysteriös, wo diese fünf Menschen doch anscheinend nach der Zerstörung de Smartphone und dem Tod der Frau kein Interesse mehr an ihr hatten.
Vor zwei Tagen traute er sich in die Garage. Das Tor stand offen und die Schaltanlage mit dem Funk-Transmitter war total zerstört. Könnte es sein, dass die Menschen von etwas befallen wurden, dass sie aggressiv auf Übertragungssignale hat werden lassen. Es machte den Eindruck auf ihn. Er hatte also aus seinem alten Golf das Radio ausgebaut und war über glücklich, dass es in seinem Wagen ansonsten nichts gab, was mit Funk arbeitet. Dann hatte er ihn mit dem nötigsten Beladen – Wasser, Essen und zwei volle Kanister Benzin. Natürlich war auch ein Rucksack verstaut worden, falls er dann doch irgendwann das Auto liegen blieb.
Bis vor acht Stunden hatte er Beobachtungen und Tests gemacht, die seine Theorie bestätigten, dass die Infizierten auf Funkwellen reagierten. Dabei hatte er auch gemerkt, dass sie aggressiver geworden waren. Beim letzten Radiowecker hatten zwei von Ihnen einen der ihren zerfleischt und verspeist. Tim schüttelte sich bei dem Gedanken an das Gesehene. Danach hatte er den Apparat hinter sich gebastelt und etwas geschlafen. Er würde ihm hoffentlich etwas Zeit verschaffen, um mit dem Auto aus der Stadt und auf die Landstraße zu kommen. In einer dicken Holzkiste hatte er drei Radiowecker und zwei alte leere Smartphones gebaut. Die Antennen der Radios kamen aus dem Deckel der Box heraus – es sollte also genug Transmission geben. Über eine Zeitschaltuhr würde der Kreislauf von Powerbank und Geräten nach dreißig Minuten geschlossen werden, die Radios würden direkt senden und Tim schätzte, dass ungefähr fünf Minuten später auch die beiden Mobiltelefone anfangen würden Funkwellen zu emittieren.
Er trank den letzten Schluck Whiskey . Überprüfte seine Kleidung, Messer, Axt und Autoschlüssel – alles am Platz. Sein Blick schweifte ein letztes Mal durchs Lokal. Zeit zu gehen. Er überprüfte seine Apparatur und startete den Timer, danach der Blick auf die Uhr 13:30 Uhr. Dann schlich er durch den Hintereingang hinaus. Rechts die Gasse lang, alle Haustüren waren geschlossen, alles sah verwaist aus. Links in die nächste größere Straße mit dem gleichen Bild, so ging es die nächsten vier Kreuzungen. Wieder links. Nach fünf Häusern hielt er inne. Hatte er wirklich ein Kindergesicht im Fenster gesehen auf der Gegenseite? Er schaute rüber, nur ein Vorhang. Er ging weiter. Nach zwanzig Metern noch ein Blick zurück, der Vorhang bewegte sich. Hinter ihm an der Kreuzung auf einmal Krach, eine Mülltonne war umgeschmissen worden. Zwei dieser Infizierten hatten sie umgestoßen und suchten jetzt im Müll. Sie brauchen wohl allmählich Nahrung, dachte sich Tim. Er drehte sich um und schlich geduckt weg, er hatte kein Interesse an einer Konfrontation. Er wollte einfach nur herausfinden, ob es seiner Frau und seinem Sohn gut ging. An der nächsten Kreuzung noch einmal links und dann hieß es zwei Kilometer bis zum Stadtrand, dorthin hatte er das Auto gebracht. Die Strecke von der Querstraße, wo er wohnte, bis zum aktuellen Abstellort des Golfs waren achthundert Meter gewesen, die hatte er den Wagen langsam und vorsichtig nach dem Umbau dorthin geschoben. Ohne weitere Zwischenfälle war er angekommen und konnte einsteigen. Alles war noch so, wie er es hinterlassen hatte. Er ließ den Schlüssel ins Zündschloss gleiten. Er schaute auf die Armbanduhr – 13:53 Uhr. Er zwang sich zu Ruhe und Geduld. Er ging nervös die Route durch. Der Tank plus die beiden Kanister sollten für zweimal die Strecke reichen. Ab einem gewissen Punkt musste er sowieso aus dem Auto raus, da der Treffpunkt in den Bergen an der Grenze zu Tirol lag. 14:00 Uhr. 14:01 Uhr. Im Rückspiegel sah er, wie Infizierte sich hastig auf den Weg in die Innenstadt machten. Er ließ den Motor an. Plötzlich ein Klopfen an der Beifahrerseite. Tim zuckte vor Schreck zusammen und zog die Axt, bevor er seinen Blick zur Seite wand. Er sah in das Gesicht eines verängstigten Jungen. Er schaute sich schnell um. Legte die Axt beiseite, öffnete die Tür der Beifahrerseite und gab dem Jungen ein Zeichen schnell einzusteigen. Dieser sprang schnell in den Wagen, schloss die Tür wieder und verriegelte sie. Tim stieg aufs Gaspedal. Hatte er es also doch richtig mitbekommen.
„Hi. Mein Name ist Tim. Wie heißt du?“
„Hallo. Ich bin Michael. Danke, dass du mich mitnimmst. Du bist der erste Mensch, den ich seit Tagen gesehen habe, der noch normal ist.“
„Das tut mir Leid. Was ist mit deinen Eltern passiert?“
Michael schluchzte.
„Das weiß ich nicht. Erst ist Papa los gegangen, um nachzuschauen was los ist. Und dann ist Mama gegangen und hat Papa gesucht. Sie hat mir gesagt, dass ich still sein und mich verstecken soll. Aber beide sind nie zurück gekommen.“
„Das tut mir sehr Leid. Jetzt bist du nicht mehr alleine.“
„Hast du was zu trinken? Ich habe seit gestern nicht mehr zu trinken gehabt.“
„Hinter deinem Sitz findest du Wasser. Nimm dir eine Flasche und trink.“
Nach dem Michael etwas getrunken hatte, fing er an einzuschlafen. Echt schrecklich was dem Jungen widerfahren ist, dachte sich Tim. Er fuhr die Landstraßen entlang Richtung Ziel ohne besondere Vorkommnisse. Auf einem Hügel sah er einen Funkturm – er blieb auf dem höchsten Punkt der Straße stehen und schaute sich um, ob er irgendetwas sehen konnte, absolut kein Lebewesen zu sehen. Er ging das Risiko ein sein Handy zu starten. Es startete und fand sogar ein Netz. Er schaute auf die Uhr 17:23 – fünf Minuten, mehr nicht und dann wieder ausschalten und verstauen, wo es keinen Schaden anrichten kann. 17:25 Uhr – nichts.
17:27 Uhr – nichts. Gerade als er ausschalten wollte, vibrierte das Gerät. Eine Nachricht seiner Frau, zwei Tage alt.
„Sind fast am Ziel. Benutz dein Smartphone nur an abgelegenen Orten, Infizierte reagieren auf Funkwellen. Werden versuchen uns dort einen Unterschlupf zu bauen. Haben dich lieb.“
Seiner Familie ging es also gut. Das Handy war schon aus und wieder in seinem faradäyischem Käfig verstaut, als er rechts vom Auto am Fuß des Hügels mehrere Personen angerannt kommen sah. Er startete schnell den Wagen und fuhr los. Das war knapp gewesen. Er beschleunigte den Wagen weiter und raste die Landstraße entlang. In einer Stunde sollte er am Ziel sein und dann hieß es noch den Aufstieg in die Berge machen.
Die Kleinstadt Mittenwald war wie ausgestorben, hier und da konnte Tim ein paar Leichen sehen. Auf das Geräusch seines fahrenden Autos gab es keine Reaktion. So durchquerte er die Ortschaft und stellte sein Auto ab. Von hier aus hieß es zu Fuß weitergehen. Er weckte Michael und erklärte kurz den Plan. Dann stiegen sie aus. Aus dem Rucksack bekam Michael Tims Ersatzjacke, diese würde ihn gut warm halten. Dafür konnte Tim nun noch eine zusätzliche Plane mit einstecken. Michael bekam die Umhängetasche von Tim, in der bisher nichts war. Sie würde mit Verbandszeug und Essen gefüllt. Tim Griff die andere Umhängetasche, die bereits mit Essen und trinken gefüllt war. Dazu wollte er einen der Benzinkanister mitnehmen. Nach der Vorbereitung des Gepäcks stärkten sich die beiden mit Wasser und etwas Trockenfleisch, dann ging es zu Fuß Richtung Geisterklamm. Am Zugang zur Klamm musste Tim feststellen, dass der Wanderweg rund um die Klamm abgesperrt war. Anscheinend hatte es einen Erdrutsch gegeben, der den Weg blockierte. Blieb also nur der schmale Steg durch die Klamm.
„Wir müssen jetzt diesen Steg dort drüben lang. Er ist nass und wir müssen gut aufpassen auf dem Weg nach oben. Hier hast du eine Stirnlampe, damit wir etwas sehen können. Du geht vor und ich bin direkt hinter dir. Bleib ruhig und werde nicht hastig. Verstanden?“
„Ja, aber es wird doch schon dunkel. Wollen wir nicht lieber warten?“
„Wo sollen wir warten? Im Auto? Ich habe keine Ahnung wie es hier in der Stadt und Umgebung aussieht mit Infizierten. Uns bleibt daher nichts anderes übrig.“
Michael nickte kurz mit seinem besorgten Gesicht.
„Wir gehen jetzt auf den Steg und machen erst nach hundert Metern oder so das Licht unserer Lampen an. Ok?“
„Ja, Tim.“
„Dann los.“
Die beide kletterten über die Absperrung zum Klammsteg und machten sich an den Aufstieg durch die Klamm. Kaum hatten sie etwas hundert Meter hinter sich gebracht, tippte Tim auf Michaels Schulter. Dieser machte daraufhin genauso wie Tim selbst das Licht ihrer Stirnlampe an. Der Steg war stellenweise sehr rutschig, doch die beiden kamen gut vorwärts. Es dauerte zwar länger als Tim gehofft hatte, dennoch hatten sie den Steg hinter sich gelassen und liefen in eine Barrikade. Hier war tatsächlich hastig eine Barrikade hochgezogen worden, die den weiteren Weg bergauf versperrte. Komisch, dachte sich Tim. Doch dann hörte er Stimmen auf der anderen Seite.
„Da sind zwei Lichter die Klamm hochgekommen und stehen auf der anderen Seite. Hol mal noch paar Leute her, damit wir das prüfen können.“
„Ok, bin unterwegs.“
Tim gab Michael ein Zeichen still zu sein.
„Hallo. Hört mich jemand?“
Keine Antwort.
„Ich habe sie eben gehört. Ich und mein Junge suchen einen Platz zum übernachten und morgen müssten wir weiter, da wir in den Bergen verabredet sind.“
„Können die sich nicht beeilen“, wurde auf der anderen Seite geflüstert.
Es verging fast eine halbe Stunde, als sich eine große Menge Menschen der Barrikade näherte.
„Mach das Gerät an.“
Etwas klickte. Tim verlor allmählich die Geduld.
„Könnten wir jetzt mal offen reden? Mir und meinem Jungen ist kalt, wir sind jetzt seit acht Stunden unterwegs und sind hier in den Bergen mit der restlichen Familie verabredet. Lassen sie uns bitte durch und geben uns die Chance auszuruhen. Essen und Trinken haben wir selbst.“
„Es können keine Infizierten sein, das Radio sendet und die bleiben ruhig.“
„Dann mach es jetzt wieder aus, bevor wir was anlocken.“
„Okay.“
„Entschuldigen sie bitte die Wartezeit, wir müssen unsere Gemeinschaft schließlich schützen.“
„Das verstehe ich, könnten sie uns dann bitte hereinlassen.“
Auf der anderen Seite wurden Teile der Barrikade verschoben und eine kleine Lücke öffnete sich, durch die Tim und Michael hindurch schlüpfen konnten. Auf der anderen Seite standen dreißig Menschen, darunter seine Frau und sein Sohn. Tim brach in Freudentränen aus, als er sie sah.
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