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Anna huschte durch die Schatten der Wohnblöcke. In der Sonne war es schon seit Mai unerträglich. In ihrem Rucksack hatte sie Lebensmittel für anderthalb Tage, die sie als Lohn für ihre Arbeit im Supermarkt erhalten hatte. Der Schatten wurde immer schmaler. Sie setzte zu einem Sprint an, um die sechzig Meter freie Fläche zum Schatten des nächsten Hochhauses zu überqueren. Von dort an hieß es nur noch Schatten bis nach Hause. Kaum in diesem Schatten angekommen reduzierte sie ihre Geschwindigkeit wieder. Sie zog ihre Trinkflasche aus der Hüfttasche und nahm einen kleinen Schluck Wasser, dann verstaute sie die Flasche wieder. Sie bog in den nächsten Hauseingang ab, hier hatte die Tagesmutter ihres Sohns Kevin ihre Tagesstätte im Keller. Dort war es angenehm und die Kinder konnten spielen. Sie klopfte an die Tür im zweiten Untergeschoss. Anna konnte das Geräusch der spielenden Kinder durch die Tür hören. Das Schloss klickte und die Tür ging auf.

„Hallo Anna.“

„Hallo Michaela. Ich möchte Kevin abholen.“

„Klar. Kevin, kommst du, deine Mutter ist da. Wie lief es im Supermarkt heute?“

„Nicht so gut. Durch die Rationierungen kommen diese Woche wieder weniger Lebensmittel als angefordert.“

„Hört sich an, als würden die Zeiten noch schlechter werden.“

Kevin drückte sich an Michaela und der Tür vorbei und schlang seine Arme um die Beine seiner Mutter.

„Tschö Michaela. Bis morgen.“

„Bis morgen, Kevin.

Michaele tätschelte kurz den Kopf von Kevin.

„Bis morgen, Michaela. Hab noch einen schönen Tag.“

„Danke, du auch. Bis morgen früh.“

Anna und Kevin stiegen die Treppen hinauf zum Erdgeschoss.

„Hattest du einen schönen Tag mit den anderen Kindern?“

„Jaa, Mama.“

„Das freut mich. Gibt es irgendetwas Besonderes zu erzählen?“

„Nein. Ich freue mich drauf die anderen Kinder morgen wieder zu sehen.“

„Das denke ich mir. Und jetzt schauen wir, dass wir schnell nach Hause kommen.“

Kevin nickte. Die beiden verließen das Gebäude und gingen die hundert Meter bis zu ihrem Hauseingang. Mit dem Aufzug fuhren sie in die zwölfte Etage hoch, in der sich ihre Wohnung befand. Hier war es bereits warm. Anna schloss die Wohnungstür auf und die beiden schlüpften in den Flur hinein. Der Blick auf das Thermometer im Flur zeigte Anna eine Temperatur von 28 Grad Celsius. Verdammt warm in der Wohnung für Ende Juni. 

„Geh dich umziehen.“

„Okay, Mama.“

Anna ging in die Küche und verstaute die Nudeln, das Trockenfleisch, den halben Laib Brot und die vier großen Flaschen Wasser. Danach prüfte sie die Vorräte. Sie hatte jede Menge Nudeln und Trockenfleisch, allerdings zu wenig Wasser. Hoffentlich konnte sie morgen etwas mehr Wasser als Lohn aushandeln. Nach dem sie sich umgezogen hatte, spielte sie zusammen mit ihrem Sohn bis zum Abend.

Kevin beschwerte sich schon nicht mehr darüber, dass es seit Wochen nur Nudeln mit Trockenfleisch zum Abendessen gab. Anna hätte ihm gern mehr geboten. Seit der Gesetzesänderung im vergangenen November durfte in der Zeit von April bis Oktober kein frisches Fleisch mehr angeboten werden. Das hatte dazu geführt, dass die Schlachtereien nun sämtliches Fleisch direkt dörrten und es dann in den Verkauf gaben. Obst und Gemüse war im letzten Jahr aufgrund der nochmals geringeren Ernte so teuer geworden, dass es sich nur noch vermögende Menschen leisten konnten. Für achtzig Prozent der Bevölkerung bedeutete es günstige Nahrungsergänzungsmittel zu nutzen, um Mangelerscheinungen zu vermeiden. Anna hatte sich damals daher direkt einen kleinen Vorrat angelegt.

Gegen 22:00 Uhr sprang die Klimaanlage an, sie würde jetzt so lange laufen, wie die gespeicherte Überproduktion des Tages ins Netzt eingespeist würde. Auch bei Energie galt seit Jahren bereits eine Rationierung für private Haushalte und nicht systemrelevante Firmen. Durch digitale Energiezähler und Chips in jedem Gerät war es möglich von extern zu steuern, wann ein Gerät lief. Anna ging in den Flur und schob die mit Sand gefüllten Kisten vor die Tür. Keine absolute Sicherheit und dennoch das Einzige, was sie zum Schutz ihrer Familie tun konnte. Gegen Mitternacht fing das Gepolter im Haus an, in den letzten Wochen hatte es begonnen, nächtliche Streifzüge von Gangs. Bisher waren sie noch nie bis zu ihnen auf die Etage gekommen. Diese Gruppen überfielen nachts Wohnungen und plünderten Wasser und Nahrungsmittel. Kevin schlief deswegen schon mit Ohrschützern, so bekam er davon nichts. Anna selbst hatte allerdings nur einen sehr unruhigen Schlaf.

Der alte Batteriewecker klingelte um 7 Uhr. Anna stand auf und weckte Kevin, nach dem sie kurz auf der Toilette war. Danach wuschen sich beide mit Waschlappen und zogen sich an. Das dann folgende Frühstück bestand aus Brot und Trockenfleisch. Gegen 8 Uhr ging es dann los zur Tagesmutter, von der Annas Weg zum Supermarkt führte. Sie ging zum Personaleingang und wunderte sich, dass der Inhaber direkt die Tür öffnete, nach dem sie geklingelt hatte.

„Hallo Frau Schneider. Ich habe leider schlechte Nachrichten.“

„Hallo Herr Westhoff. Wieso, was ist passiert?“

„Ich habe vor zehn Minuten den Anruf bekommen, dass wir keine Ware erhalten. Das Lebensmitteldepot am Stadtrand, was für die Belieferung aller Supermärkte der Stadt zuständig ist, wurde letzte Nacht geplündert. Deswegen kann ich ihnen heute weder Arbeit noch Bezahlung anbieten.“

„Und wie sollen die Menschen überleben?“

„Ich weiß es nicht. Angeblich soll es morgen wieder Lieferungen geben. Das Depot, sowie alle Transporte werden wohl ab sofort von Kampfdrohnen begleitet, um Plünderer abzuwehren. Kommen sie einfach morgen wieder vorbei und wir sehen, wie es dann ausschaut. Tut mir wirklich leid, Frau Schneider.“

„Alles okay, Herr Westhoff. Sie können nichts dafür. Bis morgen dann.“

„Bis morgen.“

Die Tür fiel wieder ins Schloss. Anna war geschockt. Ihre Leitungswasserration könnte mit Glück über den Tag helfen, allerdings würde es dann heute auch wieder Brot mit Trockenfleisch geben. Betrübt zog sie wieder in Richtung ihrer Wohnung ab. Glücklicherweise war Kevin bis heute Nachmittag bei der Tagesmutter, so dass sie genug Zeit hatte sich Gedanken zu machen. Vielleicht viel ihr noch etwas ein, wie sie ein oder zwei Flaschen Wasser bekommen konnte. Sie bemerkte kaum, wie sich die Wege in der Siedlung plötzlich wieder leerten. Dann drang der Lärm der Schüsse an ihre Ohren. Sie war fast zuhause. Die Schüsse kamen näher. Sie rannte ins Haus und auf die Aufzüge zu, doch die Knöpfe zum Rufen der Aufzüge blieben dunkel und stumm. So ein Mist, dachte sie, jetzt auch noch zwölft Etagen zu Fuß nach oben laufen. Es blieb ihr nichts anderes übrig. Also stieg sie Etage um Etage die Treppen nach oben. Auf ihrer Etage angekommen, trat sie vom Treppenhaus auf den Flur und schaute auf die Tür der Eckwohnung am Ende der Etage. Plötzlich kam ihr ein Getuschel vom Winter in Erinnerung, dass dort wohl ein Preper leben sollte. Sie fasste sich ein Herz und schritt den Flur entlang. Wie auf jeder Etage gab es auch hier zwölf Wohnungen, elf normale und eine große Eckwohnung. Zwischen ihrer Tür und der Eckwohnung gab es drei weitere Türen. In dem Moment, wo sie ihre Wohnungstür erreicht hatte, stoppte sie kurz. Sollte sie wirklich einen Fremden um Hilfe fragen? Eigentlich sollten sie über den Tag kommen und es wäre nicht nötig. Dann kam der Gedanke hoch und was ist, wenn es morgen wieder keine Lieferung gibt. Die tägliche Wasserration reichte nicht für Kevin und sie. Sie atmete tief ein. Wenn sie auf Nummer sicher gehen wollte, dann blieb ihr nichts anderes übrig. Mit dem Haustürschlüssel in der Hand ging sie zur Tür der Eckwohnung und klopfte. Ihr Herz raste. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie ein Geräusch hinter der Tür hörte.

„Wer ist da?“

„Hi. Ich bin Frau Schneider aus 12.8“

„Was möchten sie?“

„Ich würde gerne mit ihnen über ein Tauschgeschäft sprechen.“

Sie hörte, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Die Tür ging auf und sie konnte den Bewohner zum ersten Mal sehen. Ein großer Kerl, der trotz Rationierung noch gut genährt aussah und sie jetzt von oben nach unten musterte.

„Was brauchen sie?“

„Wasser. Zwei oder vier Flaschen für meinen Sohn und mich.“

Lautes Getöse aus dem Treppenhaus klang an ihr Ohr. Ungewöhnlich für tagsüber.

„Gegen gewisse Gefälligkeiten kann ich ihnen das Wasser geben.“

Anna schluckte. Ihr war direkt klar, was von ihr erwartet wurde.

Die Tür des Treppenhauses flog auf und zwei Gestalten traten in den Flur.

„Hier sind welche in der 12. Etage, kommt schnell nach.“

Der Mann aus der Eckwohnung schob sie beiseite und Anna schluckte, als sie in seiner Hand eine Pistole sah. Die Angreifer hatten mit so etwas nicht gerechnet. Sechsmal drückte er ab, dann lagen die beiden Gangmitglieder tot auf dem Boden.

Er richtete den Blick wieder auf Anna.

„Du hast zwanzig Sekunden dich zu entscheiden, du gibst mir, was ich gerne hätte. Dafür kriegst du Schutz und Wasser oder du rennst schnell ohne Wasser in deine Wohnung und hoffst, dass sie die Etage oder deine Wohnung auslassen. Die Uhr läuft.“

Annas Blick wandert zwischen dem Mann und ihrer Wohnungstür hin und her.

„Deine Entscheidung – jetzt.“

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